Männliche Ignoranz
macht das Leben um Jahre kürzer

Abschied von Rollenklischee verbessert Lebensqualität

Bielefeld. (AP)
Mit Unwissenheit und dem falschen Glauben an die eigene Unverwundbarkeit verkürzen sich die deutschen Männer ihr Leben. Während Frauen durchschnittlich 80 Jahre alt werden, bringen Männer es nur auf 73,8 Jahre. Und daran sind sie meist selbst schuld, sagt der Bielefelder Soziologe Klaus Hurrelmann.
"Männern fehlt die nötige Sensibilität für die eigene Gesundheit, und das kostet Lebensjahre", sagt Hurrelmann. Die Differenz in der Lebenserwartung von Männern und Frauen hat sich in den letzten 100 Jahren mehr als verdoppelt. Nach Ansicht des Bielefelder Wissenschaftlers ist bereits jetzt zu erkennen, daß sie weiter wächst.
Eine der Hauptursachen dafür ist der Bielefelder Untersuchung zufolge eine falsche Ernährung. Fast 70 Prozent aller 30- bis 50jährigen Männer leiden an Übergewicht, was sich im Alter fatal auswirkt. Bereits Jungen essen mehr Salz, Fett und Zucker, während Mädchen mehr Obst und Gemüse verzehren.
Und auch im Erwachsenenalter ernähren sich Frauen wesentlich abwechslungsreicher und vitaminreicher als Männer. "Die ungesunde Ernährung ist ein Sargnagel für die Männer", unterstreicht Hurrelmann. Hinzu kommt häufig übermäßiger Konsum von Tabak und Alkohol.
Auch bei der medizinischen Gesundheitsvorsorge liegt das starke Geschlecht im Hintertreffen. Während 39 Prozent der Frauen die Krebsfrüherkennung nutzen, sind es bei den Männern lediglich 16 Prozent. Krankheiten werden zu spät erkannt und zu spät behandelt.
Die kürzere Lebenserwartung ist vor allem ein rollentypisches Problem. "Männer glauben an die eigene Unverwundbarkeit und sehen keine Notwendigkeit, ihr Verhalten zu ändern", stellt Hurrelmann fest. Die typische Männerrolle schließe eben einen rücksichtslosen Umgang mit dem Körper ein - im Berufsleben ebenso wie in der Freizeit.
Und in bezug auf das Lebensalter herrsche bei vielen Männern die Einstellung: "Lieber kurz und gut als länger und schlechter". Das sei jedoch Selbstbetrug, denn die letzten Lebensjahre seien durchaus nicht weniger lebenswert als die Jugend. Hurrelmann zieht daraus den Schluß: "Wir brauchen dringend eine Männerbewegung, die sich mit dem Thema beschäftigt." Es sei sicher, daß der Abschied von männlichen Rollenklischees nicht nur das Leben verlängere, sondern auch die Lebensqualität erhöhe.
(WP vom 2.6.98)
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